Es folgt ein sehr persönlicher Blick auf das neue Album von Katie Melua „Ketevan“.

Endlich ist ein neues Katie Melua Album erschienen – obwohl die Wartezeit gar nicht so lang  war wie die Pause zwischen Album 4 „The House“ und Album 5  „Secret Symphony“.  Was die Alben der Katie Melua betrifft, dann muss ich sagen, dass ich eigentlich ein absoluter Fan ihres Komponisten und Produzenten Mike Batt bin. Und so ist es kein Wunder, dass mir die ersten drei Alben sehr gut gefallen haben bei denen Mike Batt der Arrangeur und Komponist vieler Songs war. Mikes symphonische Arrangements und Katies brillante Stimme bildeten eine perfekte Harmonie. Titel wie „Nine Million Bicycles“ und „The Closest Thing To Crazy“ machten sie einem absoluten Dreamteam – nicht nur in meinen Ohren.

Daher war es sehr schade für mich als Katie bei ihrem vierten Album einen anderen Produzenten namens William Orbit wählte und sich damit auch ihr musikalischer Stil änderte. Mein Vergleich hierbei ist immer, dass die anderen Alben wie ein Luxusrestaurant wirken während ihr Album „The House“ auf mich eher wie ein Besuch in einem Fastfood-Restaurant wirkt. Mike Batts Arrangements bringen mich fast sofort in ihren Bann und Katies unverwechselbare Stimme ist dabei das i-Tüpfel. Dazu waren die elektronischen Spielereien von Orbit nicht in der Lage.

Bei „The House“ fiel mir zudem der düstere Ton in Katies Texten auf, was wohl auf ihren persönlichen Burnout zurückzuführen ist. Was mir auch nicht gefiel war das ausblenden vieler Titel, was ich überhaupt nicht mag. Das war in den Siebziger Jahren üblich wenn den Komponisten kein vernünftiger Schluss eingefallen ist. Alles Faktoren, die „The House“ eher zu Durchschnittsware werden ließ.

Katie scheint dies auch gemerkt zu haben und so wurde „Secret Symphony“ wieder von Mike arrangiert. Die Highlights dieses Albums waren wieder Mal die von Katie und Mike komponierten Titel, insbesondere der titelgebende Song. Viele Songs waren Coverversionen anderer Interpreten und der Wunsch vieler Fans nach mehr eigenen Titeln von Katie wurde nicht erfüllt. Nun endlich, mit dem Album „Ketevan“ wird dieser Wunsch wahrgemacht.

Für mich war das neue Album wieder „Liebe auf dem ersten Blick“. Und das Booklet zeigt, dass nicht nur Katie und Mike Batt als Hauptkomponisten agieren, sondern erstmals auch Mikes Sohn Luke, der dem Produzenten nicht nur in die musikalischen Fußstapfen folgt, sondern seinem Vater auch noch optisch sehr ähnlich sieht. Lukes Einfluss ist sehr groß. Er hat einige Instrumente eingespielt und Tracks abgemischt, aber auch mit Katie zusammen an den Texten und der Musik gearbeitet.

Interessanterweise hält sich Mike Batt mit seinen Streichersounds dezent zurück und beweist mit vielen Songs, dass er auch andere Stile drauf hat und nicht nur den süßen Streicherklang produzieren kann sondern auch folkloristische Stile und Bigbandmusik. So kam ein abwechslungsreiches Album zustande, das bei mir momentan in der Dauerschleife läuft.

Die einzelnen Titel sollten etwas genauer dargestellt werden als es normale Plattenredaktionen vielleicht tun. Gerade in den Texten sollte man teilweise genauer hingucken. Mike Batt ist auch für äußerst bildreiche oder zweideutigen Wortwitze bekannt, die sich auch in den Songs  widerspiegeln.

1.) Never felt less like dancing.

Der Song wurde durch einen Twittertext inspiriert. Mike Batt wird immer sehr hellhörig wenn er bildreiche Erklärungen hört. Auch schon „Nine million Bicycles“ wurde durch eine chinesische Fremdenführerin inspiriert als sie Mike und Katie vor einem Auftritt zum chinesichen „WettenDass“ durch Peking führt.

„Never Felt Less Like Dancing“  ist ein sehr spartanischer Song, der anfangs nur von Mike Batt am Klavier und Tim Harries am Bass begleitet wird. Erst am Ende stimmt ein dezentes Orchester ein. Katies Stimme kommt so klar zur Geltung. Der Text greift die Titelzeile auf und beschreibt vergleicht was die Sängerin nicht möchte und stattdessen wegen ihrer traurigen Situation tun würde.

2.) Sailing Ships From Heaven

Der Song handelt von einer Frau, die ein Harmonium spielt und Menschen zu trösten versucht und die Segelschiffe aus dem Himmel ankündigt, die die Situation verbessern.

Auch dieses Lied hat Mike Batt geschrieben. Es wurde allerdings bereits von der Sopranistin Sandra Schwarzhaupt gesungen. Katies Version unterscheidet sich jedoch wesentlich von der alten Version. Zum ersten ist Katies Stimme wesentlich charismatischer als Sandras Sopranstimme. Außerdem hat Mike diese Version mit einem Drumsound ausgestattet, der ein wenig an Urwaldtrommeln erinnert. Dieser Percussionsound ist auf dem Album noch häufiger zu hören und gibt ihm ein sehr eigenes Ambiente.

3.) Love Is a Silent Thief

Der Song wurde von Katie und Toby Jepson geschrieben und handelt von der Liebe. Auch dieser Titel beginnt etwas sanft, doch dann setzt ein Bläserarrangement ein, das eigentlich eher für einen James-Bond-Film geeignet wäre.
Umso erstaunlicher ist dabei der Stil des Musikvideos, der ein wenig an Monty Python erinnert. In folkstümliche gekleidete Akteure (vermutlich georgische Kleidung) führen unterschiedliche, merkwürdige Aktionen aus, die so gar nichts mit dem Text zu tun haben…

Wenn man jedoch auf Katies Website nachforscht findet man heraus, dass das außergewöhnliche Video auf Katies Konto geht. Gemeinsam mit dem Videoproduzenten Michael Dunne hat sie am Computer das Material des amerikanisch/georgischen Regisseurs Sergei Parajanov des Films „The Color of Pomegranates“ verwendet um das Musikvideos zusammenzustellen.
Mein James-Bond Eindruck hatte ein anderes Video erwartet – mit diesem Video habe ich nun leider eine falsche Inspiration.
Interessant ist, dass Katie den Song mit einem Autor geschrieben hat, der auch bereits Lieder für die Band ihres Mannes James Toseland schrieb. Der Songwriter Toby Jepson durfte auch an anderer Stelle des Albums „Ketevan“ mitwirken.

4.) Shiver and Shake

Mit „Shiver and Shake“ kommt ein sehr schwunghafter Song in die Playlist. Der Song ist eine Koproduktion von Katie und Luke Batt, der hier auch die Gitarren spielte. Erneut ist der dumpfe Klang von Trommeln von Freddie Hill zu hören. Die Gitarrengriffs erinnern mich teilweise an einen Song von Florance Rawlings „Jump on the Wagon“. Ebenso ungewöhnlich für diesen Song ist ein esoterisch klingendes Mittelteil. Der Song wird auf der Bühne bestimmt sehr kraftvoll rüberkommen.

5.) The Love I’m Frightened Of

Der Song ist erneut ein wunderschöner Liebessong, der von komplett von Luke Batt geschrieben wurde. Außerdem spielt der junge Künstler Piano, Gitarre und Percussion. Für Katie ist der Song außerdem ungewöhnlich, weil er sehr folkloristisch klingt und sogar eine Zweitstimme im Arrangement besitzt.

Der Song ist wirklich toll und wurde auch mit einem schönen Musikvideo geehrt. Eine liebliche Frau (die man für Katie halten könnte) hat eine Romanze mit einem jungen Mann, der an den Hauptdarsteller aus den Twilight-Vampirfilmen erinnert.

6.) Where Does The Ocean Go?

Vielleicht der schönste Song des Albums. Hier schrieben Katie, Mike und Luke Batt und lieferten einen zarten und melodisch brillanten Song ab, der stark die Handschrift von Vater Batt trägt. Erneut hilft die akustische Gitarre den folkloristischen Charakter hervorzuheben während Mikes Streicherklang dem Song eine gewisse Hollywoodtiefe geben. Es ist schwer zu sagen, aber der Streichersong läßt vor meinem inneren Auge ausgedehnte Landschaften entstehen.

Im Text wird wieder einer schöner Vergleich mit dem Fluss der Liebe und dem Wasser gezogen. Wohin wird uns die Liebe/der Ozean bringen? Wiedermal eine typische Batt-Idee. Mich persönlich erinnert der Song ein wenig an „Just Like Heaven“.

7.) Idiot School

der komplett von Mike Batt geschriebene Song führt uns akustisch in eine typische Vaudeville-Show, wie man sie in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts anschauen konnte. Vom Text und Sound könnte her könnte man fast glauben, dass Katie Melua nun der englische, weibliche Max Raabe geworden ist.

Besonders das Textheft hilft hier die Wortwitze zu verstehen. In der Musik gibt es plötzliche Aussetzer, die andeuten, dass auch der Text hier aussetzt. Der Grund ist einfach. Zweimal versucht Katie anzüglich zu sein und bricht ab. doch in der nächsten Textzeile wird das schmuddelige Wort fortgesetzt. Die beiden Doppelzeilen: „I know I fell on my …. ask me why I left you high and dry“ und „I gave you the kick in the….. Not so long ago you loved me so.“ muss man einfach lesen und hören um den Witz zu verstehen. Wer findet die Wörter „ass“ und „nuts“?

8.) Mad, Mad Men

Erneut ein kompletter Batt Song. Aber einer, von dem man nur sagen kann:  Aber was für einer!!!!
Der Song verbreitet ein absolutes Feelgood-Feeling dass ich mir  wünsche, dass dieser Titel UNBEDINGT in einer deutschen Show präsentiert wird. Mit diesem Song könnte sie schlagartig das deutsche TV-Publikum begeistern.
Die tolle Musik im Bigband-Sound wird ergänzt mit einem erneut genialen Text von Mike Batt. Seine Frage ist: Wer verändert die Welt? Wahnsinnige Männer, wilde Frauen und verrückte Mädels.

Die amüsante Antwort auf diese Betrachtung liefert er gleich in zwei Strophen über entsprechende Beispiele und tröstet uns der Überleitung: „Weißt Du, es ist egal, Du kannst so verrückt sein wieder Hutmacher, aber Du kannst die Leiter bis zur Spitze erklimmen.“

9.) Chase me

Katie Melua und Toby Jepson arbeiteten an dieser Ballade, die wie ein Song aus einem uralten Kinofilm wirkt. Wenn Katie mit ihrer warmen Stimme behauptet, sie sei ein Glühwürmchen wenn man sie verfolgt, erklingt Mike Batts Arrangements, das Assoziationen zu alten Hollywoodfilmen weckt. Katies Stimme erinnert hier sehr an die Interpretinnen aus großen Bühnenshows. Sie läßt ihre Stimme genauso perfekt vibrieren wie eine Shirley Basset, Judy Garland oder Billie Holiday. Entdeckt die Sängerin nur hier etwa ein weiteres, musikalisches Vorbild? Man glaubt förmlich eine junge Dame im Abendkleid for einem breiten Vorhand auf einer Bühne zu stehen und diese fantastische Ballade zu interpretieren.

10.) I Never Fall

Wenn es einen schwachen Song auf dem Album gibt, dann sicherlich dieser von Katie und Luke geschriebene Titel. Man würde sich für den Song vielleicht wieder ein etwas größeres Arrrangement wünschen. Auch hier sollte man lieber auf den Texte achten, der erneut poetisch ist. Von daher ist das spartanische Arrangement sicherlich nachvollziehbar.

In seinem Stil erinnert er am ehesten an die Ballade einer Sängerin in einer Bar mit Piano und kleiner Band. Wenn man sich diese Hollywood-Kulisse vorstellt kann man sich vielleicht besser mit dem Song anfreunden. Für mich ist der Titel jedoch leider der schwächste Song. Aber das ist auch nur meine Meinung.

Mit dem letzten Song kommt dann auch gleich die riesige Entschädigung daher. Eine Ballade mit einer tollen Melodie und einem fantastischen Text.

11.) I Will Be There

Gleich zu Anfang ein Wermutstropfen. Auf dem Album befindet sich nur eine kurze Version des genialen Songs. Ich habe mich gefragt, wieso es eigentlich eine „Album Version“ gibt, wenn es doch auch eine „Radio Version“ und eine „Orchestra Version“ gibt. Die „Radio Version“ wird den Moderatoren geschickt und die andere Version wird nur zu besonderen Anlässen gespielt. Wozu also noch eine Album-Version? Das wissen die Dramatico-Götter.

Doch nun zum Song selbst: Mike Batt bekam die Ehre einen Song auf dem Jubiläumskonzert der britischen Königin beizusteuern und komponierte eigens zu diesem Anlass den Song „I Will Be There“. Der Text bezieht sich auf die Mütter dieser Welt und Mike wollte mit diesem Song insbesondere seine eigene Mutter ehren, die schließlich sehr zu seinem Erfolg betrug indem sie die Womble-Kostüme nähte. Leider konnte sie die Aufführung nicht mehr miterleben, da sie vorzeitig an Krebs starb. Doch zu den Müttern zählte Mike auch die Queen, die in einer Textzeile auch als „die Dame, die wir alle kennen“ gewürdigt wird.

Die Melodie ist wieder wunderschön und erstaunlicherweise wird der dominante Rhythmus mit einem elektronischen Piano erzeugt, was für das Album eher untypisch ist. Trotzdem ist der Song eindeutig das beste Stück auf dem Album „Ketevan“. Schade ist nur, dass es die „Orchester-Version“ nicht auf das Album geschafft hat, da dieser sechsminutenlange Titel mit grandiosen orchestralen Übergängen und Intros gewürzt ist. Außerdem singt Katie noch eine weitere, orchesteruntermalte Wiederholung ihres Refrains und der Song endet in einer grandiosen Koloratur. (Das Publikum neigt an dieser Stelle dazu zu früh zu klatschen). Vielleicht gibt es ja auch bald eine „Deluxe-Version“ des Albums worauf die „Orchester-Version“ enthalten ist. Andere Fans können sich die Version in Downloadportalen kaufen.

Die Albumversion blendet leider nur orchestral aus während die Leadgitarre den Refrain wiederholt. Aber ich will nicht meckern. Die Begleitung des Songs erinnert mit dem Electropiano ein wenig an Mike Batts Song „The Winds Of Change“‚, den er in den 80ern er einer Seereise komponierte, und so ist „Ketevan“ vielleicht auch als Seereise zu betrachen und während das Album leise ausblendet denken wir vielleicht „Where Does The Ocean Go“ während wir den „Sailing Ships From Heaven“ nachschauen während sie langsam am Horizont verschwinden.

Katie Melua – I will be there

FAZIT:

Es ist faszinierend für mich wie das Album mich immer wieder dazu bringt den „Replay“-Knopf zu drücken. Die letzten Alben waren in dieser Hinsicht beinahe zu enttäuschend. Nachdem ich das Album „The House“ fast komplett ablehnte war „Secret Symphony“ dagegen schon der richtige Schritt zurück. Leider gab es zuviele Coverversionen und so klang das Album, so gut es auch arrangiert war, irgendwie fremd. Mit ihrem sechsten Album sind nun Katie und Mike Batt wieder zu dem Stil zurückgekehrt, der das Dreamteam vor zehn Jahren so erfolgreich werden ließ.

„Ketevan“ ist für mich eines der Besten, das Katie und Mike Batt je produziert haben. Unter dem frischen Eindruck ist es schwer zu sagen „das Beste“. Aber nachdem ich „The House“ gleich ablehnte und „Secret Symphony“ nur teilweise genießen konnte ist „Ketevan“ das erste Album von Katie das ich von vorne bis hinten hören kann ohne dass ich einen Titel überspringen möchte. Das Album ist also damit in den Top-3 meiner persönlichen Katie-Charts und könnte durchaus noch steigen – es sei denn bald kommt noch ein ebenso grandioses, siebtes, Album.

Und nun wird es höchste Zeit meinen „Replay“-Knopf zu drücken weil das Album durchgelaufen ist…..