Ich freue mich ja, dass es für die Gehbehinderten auf der Welt die Rollatoren gibt. Bevor man diese nützlichen Helferlein erfunden hatte mussten viele Menschen am Stock gehen oder waren sogar auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Rollator ermöglicht es so auch dem eingeschränkten Menschen sich noch etwas Bewegung zu verschaffen. Und doch birgt dieses Gerät leider auch ein Konfliktpotential, das in der Klinik deutlich wird.

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Rollator – Bild: Wikipedia

Ich möchte zum Eingang dieses Artikels betonen, dass ich der Schwedin Aina Wilfak dankbar bin, dass sie 1978 dieses nützliche Utensil erfunden hat. Auch meine Mutter benötigt für Spaziergänge eine Gehhilfe und greift dabei manchmal auch auf ihren Rollator zu. Allerdings konnte ich natürlich auch beobachten wobei sie Schwierigkeiten hat und oft stattdessen die armstützenden Krücken vorzieht.

Unsere Welt ist leider mit allerlei fiesen, kleinen Stolperfallen und Hindernissen  gespickt, die ein normal Gehender problemlos überbrückt. Auch mit Krücken kann man Bordsteinkanten verhältnismäßig einfach bewältigen. Ist man aber auf einen Rollator angewiesen, dann stellen sich nicht nur Bordsteine, sondern auch schlecht verlegte Bodenfliesen oder Türschwellen als Hindernis heraus. Der oder die Rollator-Besitzer/in bleibt dort zunächst mal hängen und wenn man sich gerade nicht die Griffe in den Bauch gerammt hat muss man jetzt seitwärts ausweichen oder das ganze Gefährt anheben um über das Hindernis zu gelangen.

Ich selbst habe für meine Mutter schon mal den Rollator geschoben und stellte fest, dass das Ding ständig auszubrechen versuchte und dass ich immer ungewollt auf die hinteren Räder trat. Kein Wunder, dass meine Mutter so ungern damit zum Arzt fährt. Besonders auch wenn heruntergefallenes Laub oder gar eine Schneedecke die Räder des Gefährtes verkleistert.

Sandweg_250In der Seeklinik sind nicht wenige Menschen mit diesen Geräten unterwegs und das ist auf den Böden der Klinik sicherlich auch die bessere Wahl. Krücken könnten hier eventuell sogar leichter wegrutschen. Was allerdings etwas schade ist, ist die Tatsache, dass die Klinik sich in einem Naturschutzgebiet befindet und daher die malerischen Orte eigentlich nur über Sandwege erreichbar sind. Auf meinem ersten Spaziergang zum See hinunter ging es auf sandigen Wegen am Ufer entlang. Ab und zu quollen Baumwurzeln aus dem Untergrund und auch Löcher zierten den Weg. Keine Chance für jemanden mit einem Rollator hier durchzukommen. So bleiben den gehbehinderten Menschen nur die befestigten Wege rund ums Haus und die Straße ins Dorf Zechlin um einen Spaziergang zu machen.

Ein anderes Detail, das mir auffiel war die Sperrigkeit, die mit diesen Geräten einhergeht.

Wenn ein Patient einen Rollator schiebt nimmt er auch mehr Fläche für sich ein als ein „normaler“ Mensch. Das fällt normalerweise nicht auf, will der Patient aber mit dem Fahrstuhl fahren dann kann es schon mal zum Gedränge in der Kabine kommen. Ich möchte nochmal betonen, dass ich niemanden hiermit zunahe treten möchte. Es ist nur eine Beobachtung und bei meinem Bauchumfang darf ich mich über einen erhöhten Platzbedarf nicht beschweren. Die kleinen Fahrstühle sind jedoch eher auf vier Menschen ausgelegt (auch wenn an der Plakette acht Leute zugelassen sind – bezogen auf das Durchschnittsgewicht von normalgewichtigen Menschen).  Doch so passen, im Haupthaus gerade mal zwei Menschen mit ihren Rollatoren in den Lift. Im neugebauten Haus gegenüber hat man jedenfalls für einen wesentlich großzügigeren Fahrstuhl gesorgt, der für 20 Personen ausgelegt ist.

Natürlich tragen es alle Beteilligten mit Humor und niemand ärgert sich wenn er mal die Treppe laufen muss weil der Fahrstuhl voll ist. Ein wenig anders sieht es dann im Restaurant aus. Ich muss zugeben, dass mich die Situation, die sich meistens beim Abendessen abspielt, irgendwie an einen alten Reinhard Mey Schlager erinnert: „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“.

Besonders abends um 17:30 Uhr, wenn niemand mehr einen Termin hat, tritt fast die ganze Patientenschaft vor dem Restaurant an. Trotz weit geöffneter Türen wagt sich niemand über die Türschwelle („Das Licht ist noch nicht an!“) und so kommt es bereits im Foyer zum ersten Stau und zu Rollator-Barrikaden. Ich weiß zwar nicht, ob es wirklich ein VERBOT gibt die Türschwelle vor 17:30 Uhr zu überqueren. Aber irgendwie wurden die Menschen wohl konditioniert darauf zu warten, dass irgendjemand das Startsignal gibt.

Restaurant_650Die Restaurantangestellten bringen um Punkt 17:30 Uhr das Brot und schalten die Punktstrahler für das Buffet ein. In diesem Moment verwandelt sich die nervöse Menschenmenge in eine Meute von Hunden, die sich auf die Knochen stürzen. Rollatorfahrer und Leute ohne Gehhilfe schnappen sich Teller und stellen sich links und rechts an der Theke an. Dabei kommt es dann zu den ersten Konflikten, da man als Rollatorbesitzer natürlich die Sitzbank des Gefährtes nutzt um den Brotteller und die Salatschüsseln abzustellen. Sie versperren damit den Anderen das schnelle Weiterkommen. Und während die Patienten sich ihre Teller und Schüsseln (zu langsam?) befüllen scharren hinter ihnen die anderen Patienten mit den Hufen.

„Darf ich mal eben hier rüberlangen?“, hört man oft wenn sich mal wieder ein Ungeduldiger vordrängeln will. Das Warten, bis man dran ist, scheint eine Tugend zu sein, die man am Buffet leicht vergisst. Und so ärgern sich Beide: Rollatorbesitzer und „normaler“ Patient.

Zum zweiten Eklat kommt es dann, wenn man nach der Hälfte des Parcours auf die Menschen trifft, die sich entgegengesetzt angestellt haben. Hier trifft man dann die Rollatoren und anderen Patienten auch wieder im Streit. Eigenartigerweise nimmt kaum jemand das zweite Buffet in der Nähe der Küche wahr. Dort kann man sich relativ stressfrei bedienen während am Eingang des Restaurants die Schlacht tobt.

Ich konnte jedenfalls beobachten wie viele Gäste sich, schnaubend vor Wut über andere Patienten, an den Tisch setzten. Schade eigentlich, weil man sich tagsüber normalerweise höflich begegnet.

Und hier bekommen wir unser nächstes Problem: Bei der Anzahl der Gäste mit Rollatoren ist es leider auch etwas schwierig die Gefährte vernünftig zu parken. Wir wollen ja alle unsere Mahlzeiten an einem Tisch einnehmen. Doch wohin mit der rollenden Gehhilfe? Zwischen den Tischreihen? Am Kopfende im Gang? Es ist ein ständiges hin- und hergezerre der Rollatoren um auf seinen Stammplatz zu kommen. Und da die Gäste überwiegend eher rundlich sind ist die Chance, sich mal eben vorbeizuzwängen, auch stark eingeschränkt.

Zum Glück findet dieses Schauspiel fast nur abends statt. Morgens haben viele Patienten Lymphtermine und daher stehen nicht so viele Menschen an. Mittags wird man sowieso direkt am Tisch von der Bedienung versorgt.

Ich weiß, dass diese Schilderung irgendwie abschreckend klingt, aber ich betone noch einmal, dass ich niemanden damit beleidigen oder verärgern will. Man muss sich auch vor Augen halten, dass die Klinik mit den 30 zusätzlichen Gästen aus dem neuen Haus noch mehr Mäuler zu stopfen hat, bzw. Tische unterbringen muss als vorher. Möglicherweise wird hier auch schon dran gearbeitet Abhilfe zu schaffen. Mein Vorschlag: Eine lange Theke mit abgezäuntem Weg. Wer nicht dran ist, muss halt warten. Das funktioniert in anderen Kantinen ja auch und würde eventuell auch noch einen Platzgewinn für weitere Tische (oder Parkplätze für Rollatoren) bedeuten.

Momentan bin ich heilfroh (noch) nicht auf einen Rollator angewiesen zu sein.  Aber Eines ist klar: Nicht nur in der Klinik, sondern überall im öffentlichen Leben sollte man bei der Konstruktion von neuen Räumen immer barrierefrei planen. Das erspart auf jeden Fall eine Menge Ärger.