DER ANFANG

Als Katie Melua im September 2002 bei Dramatico Records unterschrieb, hätte sich niemand träumen lassen, dass sie mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums „Pictures“ die weltweit meistverkaufte britische Künstlerin des Jahres werden würde.
Ihre ersten zwei Alben „Call Off The Search“ und „Piece By Piece“, avancierten beide zu internationalen Nummer Eins Erfolgen, und die Geschichte sollte nach einer aufregenden, sämtliche Rekorde brechenden Achterbahnfahrt einschließlich mehrerer ausgedehnter Touren rund um die Welt und vieler besonderer Augenblicke weitergehen – zum Beispiel als Katie auf derselben Bühne mit ihren Idolen Queen für Nelson Mandela spielte oder von der echten Queen zum Dinner in den Buckingham Palast eingeladen wurde.

Im Hamburger Planetarium

Es war die tragischerweise im Alter von gerade einmal dreiunddreißig Jahren verstorbene amerikanische Sängerin Eva Cassidy, die Katie und Mike Batt zusammenbrachte. Unabhängig voneinander hatten beide Cassidys posthum veröffentlichtes Album Songbird entdeckt, und als sie sich trafen, basierte ihre Entscheidung zugunsten einer Zusammenarbeit hauptsächlich auf ihrer gemeinsamen Bewunderung für Evas phänomenalen Gesang und kommunikatives Talent.

Mike war über fünfzig, Katie hatte vor kurzem ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert. „Zu Beginn unserer Zusammenarbeit gab es eine Reihe geradezu unheimlicher Zufälle“, sagt Katie. „Ein paar Monate, bevor wir uns kennenlernten, hatte ich zum ersten Mal eine Gitarre in der Hand gehabt. Im Jahr davor war meine Musik noch sehr pop- und R&B-lastig gewesen. Ich schrieb auf einem Computer und hörte Eminem, Groove Armada und So Solid Crew. Dann begann ich auf einmal, mich für Künstler wie Bob Dylan, Joni Mitchell und Cat Stevens zu begeistern – ältere Künstler, deren Musik sich roh und echt anfühlt. Ich hatte mich nach moderner Musik umgesehen, die genauso viel Gefühl hat, und konnte nichts Entsprechendes finden. Dann entdeckte ich Eva Cassidy, und ein paar Wochen später traf ich Mike.“

Bei einer der ersten gemeinsamen Proben spielte Mike Katie einen eigenen Song namens „Call Off The Search“ vor, und seine Suche nach einer Sängerin war vorüber. „Schon beim ersten Hören war ich in den Song verliebt“, erinnert sich Katie. „Er war perfekt, intakt, vollständig – Mike spielte ihn auf einem Klavier ohne zusätzliche Begleitung, und mir wurde bewusst, wie wenig Material es damals gab, mit dem man das hätte tun können. Dann sagte Mike, dass er ein deutlich retro-orientiertes, orchesterbasiertes Album aufnehmen wollte. Sobald ich „retro“ hörte, war ich dabei, denn der Begriff fasste die Musik zusammen, die ich damals hörte.“ Am darauf folgenden Wochenende fand die erste richtige Session in Mikes Studio in Farnham statt, bei der „Call Off The Search“, „Faraway Voice“, ein brandneuer Track namens „Belfast“, den Katie gerade erst geschrieben hatte, und die Spaßnummer „My Aphrodisiac Is You“ aufgenommen wurden.

„Unser Musikgeschmack brachte uns zusammen“, lacht Katie, „was schon irgendwie seltsam ist, wenn man den Altersunterschied zwischen uns bedenkt. Niemand hätte erwartet, dass wir beide ähnliche Vorlieben haben. Weil wir uns so gut verstanden, bot Mike mir an, mit seinen Stücken zu experimentieren. Ich weiß noch, dass er mir vorschlug, „Call Off The Search“ zu improvisieren. Als junge Sängerin bekommt man diese Art von Freiheit selten. Gegen Ende der Session bot Mike mir einen Vertrag an.“

THE CLOSEST THING TO CRAZY

Frühe Fotosession mit „Woody“

Während sie getrennt schrieben und gemeinsam an den Wochenenden aufnahmen, bauten die beiden eine Sammlung von Songs auf, aus der ein Jahr später das Album „Call Off The Search“ hervorgehen sollte. Dann kam eine Reise nach Dublin, wo das irische Philharmonieorchester die Streicher einspielte und Katie den Tränen nahe war – „Zum ersten Mal zu hören, wie Musik, die ich geschrieben hatte, mit Streicherparts unterlegt wurde, war ein ganz besonderer Augenblick, den ich nie vergessen werden“, erinnert sie sich, wobei ihre Augen schon wieder feucht werden.

Bei einer Aufnahmesession Anfang 2003, als ihr Vorrat an neuem Material erschöpft war, grub Mike ein Album aus, das er fast 20 Jahre zuvor aufgenommen hatte. Darauf gab es eine Nummer, die er als für Katie besonders geeignet empfand, doch obwohl sie das Stück mochte, konnte von Liebe auf den ersten Blick keine Rede sein. Als sie jedoch durch das Booklet blätterte, fiel ihr ein Text auf – „The Closest Thing To Crazy“. „Der Text las sich so spannend, dass ich Mike bat, mir den Song vorzuspielen“, erzählt Katie. „Er bestand darauf, dass er zu langsam für mich sei. Ich musste ihn buchstäblich dazu zwingen. Schon die ersten Akkorde hauten mich um. Ein sofortiger Klassiker. Tatsächlich fühlte er sich so vertraut an, dass ich mir sicher war, ihn schon einmal gehört zu haben. Ich flehte Mike an, mich den Song versuchen zu lassen. Glücklicherweise sagte er ja.

Unsere Philosophie auf diesem ersten Album bestand darin, einfach Sachen auszuprobieren, zu sehen, was funktionierte und was nicht. Wir nahmen eine Reihe seltsamer Nummern auf, darunter eine mit dem Titel „Jack’s Room“, die ich geschrieben hatte. Sie handelt von einer Mutter, die herausfindet, dass ihr Sohn Mädchenkleider trägt. Dieser Song war für das Album vorgesehen – letztendlich landete er auf einer B-Seite -, aber dann kam „Crazy“ und verdrängte ihn.

Katie im Shepherds Bush Empire (Foto: Robert Madsen)

Und dann wurde alles anders. Während das Album noch auf seine Veröffentlichung wartete, ging Mike ein großes Risiko ein und buchte das 2000 Zuschauer fassende Sheperds Bush Empire in London, das noch kein unbekannter Künstler gefüllt hatte. Das Venue verkaufte sich aus. „Es war wirklich verrückt“, findet Katie rückblickend. „Ich glaube, Mike wollte beweisen, dass er es ernst meinte – dass wir es mit den ganz Großen aufnehmen können, obwohl wir nur ein kleines Label sind. Ich war wie erstarrt vor Schreck. Ich zitterte, als ich auf die Bühne ging. Damals hatte ich nur eine kleine Support-Show gespielt, es war also eigentlich mein erstes Konzert. Wie ich mich geschlagen habe? Erstaunlich gut, aber alles ging so schnell, dass ich mich kaum daran erinnern kann. Mike engagierte ein 14-köpfiges Orchester, was den Abend zu etwas ganz Besonderen machte. Selbst heute trete ich nicht mit Orchester auf. Es war der reine Wahnsinn, aber unvergesslich.

Bei seinem Erscheinen im November 2003 schaffte es „Call Off The Search“ so eben in die Top 40. Dann fiel das Album über Weihnachten auf den 80. Platz zurück, begann jedoch wieder nach oben zu klettern, als „The Closest Thing To Crazy“ ständig im Radio gespielt wurde. Zunächst zurück in die Top 40, dann unter die erfolgreichsten 30, und schließlich in die Top Ten. Ende Januar positionierte es sich auf den 1. Platz der Charts, wo es sich sechs Wochen hielt. „Call Off The Search“ wurde zum bestverkauften britischen Album des Jahres 2004. „Als Mike anrief um mir zu sagen, dass wir den ersten Platz geschafft hatten, brach ich fast zusammen“, lacht Katie. „Ich war 19, lebte immer noch bei meinen Eltern zu Hause in Redhill und besuchte einen Teilzeit-Musikbusiness-Kurs für den Fall, dass es mit dem Album nicht klappte. Das war das Ende meines Lebens, wie ich es bisher gekannt hatte.

NINE MILLION BICYCLES

Katie in der Royal Albert Hall

Der Druck auf die beiden wegen eines Nachfolgealbums hätte enorm sein können, aber glücklicherweise hatten sie bereits zwei Songs fertig, mit denen sie beginnen konnten. „“Spiders Web“ und „Thank You Stars“ waren zwei Nummern, die wir nicht aufs erste Album nahmen, aber uns war klar, dass die Fans begeistert sein würden“, erklärt Katie. „Der erste war uns ein wenig zu rockig für „Call Off The Search“, der andere stammte von Mike, und er war der Meinung, dass bereits zu viele seiner Stücke auf dem Album vertreten waren. Diese beiden Songs waren für uns eine Art Wohlfühlzone.“ Ein Jahr später, immer noch mit „Call Off The Search“ auf Tour, drehten Mike und Katie gerade in China eine TV-Sendung ab, das chinesische „Wetten Dass?“. An einem freien Tag wurden sie durch Peking geführt. „Unsere Führerin erzählte uns Fakten über die Stadt, unter anderem, dass es neun Millionen Fahrräder in Peking gibt“, erinnert sich Katie. „Sofort verkündete Mike: „Das ist ein toller Songtitel“. Ich sagte „Okay, wie du meinst“. So etwas macht Mike ständig. Sobald er einen ungewöhnlichen Satz oder lächerlichen Ausdruck hört, will er sofort einen Song daraus machen. Das albernste Beispiel? Wahrscheinlich „Halfway Up The Hindu Kush“, aber daraus ist schließlich auch ein Song entstanden.

Zwei Monate später präsentierte Mike Katie „Nine Million Bicycles“. Ihre Reaktion? „Ich hielt es für einen der eigenartigsten Songs, die ich je gehört hatte“, lacht sie. „Aber er war so eigenartig, dass ich ihn unbedingt singen wollte. Als ich es tat, wurde er magisch, womit ich nicht gerechnet hatte. Aber es war keine Liebe auf den ersten Blick. Etwas an diesem Song war so falsch, dass es letztendlich genau richtig war.“

„Piece By Piece“, eine Komposition von Katie, die vage auf persönlichen Erfahrungen basiert, wurde der Titelsong, unter anderem, weil das Album Stück für Stück zwischen diversen Touren entstand. Veröffentlicht im September 2005, stieg es auf dem ersten Platz in die UK-Charts ein. „Diese Nr. 1 habe ich wahrscheinlich mehr zu schätzen gewusst als die erste“, gibt Katie zu. „Bei „Call Off The Search“ war ich so beschäftigt und wusste so wenig über die Musikindustrie, dass mir gar nicht richtig bewusst war, was für eine Leistung das ist. Bei „Piece By Piece“ fingen wir an, extensiv auf dem europäischen Festland zu arbeiten, und ziemlich schnell begann ich, dort ebenfalls Erfolg zu haben, was ich wirklich nicht erwartet hatte.

SCARY FILMS

Auszeit für das dritte Album

Für ihr drittes Album „Pictures“ nahm sich Katie zum ersten Mal eine Auszeit, um in Ruhe ihre Songs schreiben zu können. Anfang 2007 buchte sie drei Monate in einem Studio. Entschlossen, eine frische Herangehensweise für ihren Sound zu finden, entwickelte sie die Idee, das Album um ein Konzept herum aufzubauen. „Wir benötigten ein neues Element, das aus der Tatsache heraus entstand, dass ich ein großer Fan von Horrorfilmen bin. Ursprünglich hatte das Konzept darin bestanden, die Songs durch die Musik aus den Tarantino-Filmen inspirieren zu lassen – Chuck Berry, Dusty Springfield, jede Menge Cowboyfilm-Musik.

Letztendlich war es zu kompliziert, jedes Stück in so eine enge Form zu pressen, deshalb entwickelte sich „Pictures“ um ein allgemeineres Filmthema. Mike steuerte Songs wie „Mary Pickford“ und „Scary Films“ bei. Ich schrieb zwei Songs zusammen mit Andrea McEwan – „What I Miss About You“, das eine sehr cineastische Story hat, und „Dirty Dice“, unsere Version eines Soundtracks für einen Spaghettiwestern.

Auf die Veröffentlichung von „Pictures“, einem weiteren Charterfolg, im Oktober 2007 folgte die langfristig vorausgeplante Beendigung der Songwriting-Partnerschaft von Mike und Katie, wobei er weiterhin als ihr Manager und Labelchef fungiert. „Wir wussten, dass es unser letztes gemeinsam geschriebenes Album war, zumindest für absehbare Zeit“, erzählt Katie ein wenig traurig. „Beide waren wir der Meinung, dass drei Alben genug sein würden. In meinem Alter habe ich das Gefühl, dass ich meine Identität als Künstlerin weiter ausloten muss, und Mike will sich auf seine anderen Projekte konzentrieren. Diese Alben sind mehr oder weniger Gemeinschaftsprodukte gewesen – eine Trilogie von Kollaborationen, wenn man so will. Ein Kapitel in unserer andauernden Beziehung.