Wer hat es nicht auch schon einmal erlebt? Man befindet sich in einer fremden Stadt und plötzlich läuft man einer Person über den Weg, die zuhause nur eine Straße weiter wohnt. Oder man greift zum Telefon und just in diesem Augenblick ruft die Person selbst an. Gedankenübertragung? Vorherbestimmung? Oder einfach nur Zufall?

Die Faszination des Zufalls

Ich persönlich finde es immer wieder faszinierend, wie ein vermeintlich von Regeln beherrschtes System durch eine geringe Abweichung völlig aus den Fugen gerät, scheinbar in Trümmer zerlegt wird, sich dann aber daraus meistens eine neue, häufig auch verbesserte, Welt ergibt.

Zufällige Gedanken?

Man kann dies im Kleinen, wie im Großen beobachten. Man sieht es beim täglichen Umgang mit Menschen, aber auch in den kosmischen Dimensionen des Alls. Meistens verhalten sich die Dinge gemäß gewisser Gesetzmäßigkeiten. Planeten bewegen sich auf Bahnen, die die Wissenschaftler genau vorherberechnen können.

Menschen fahren immer denselben Weg zu Arbeit und so kann es vorkommen, dass man immer dieselben Menschen in den Bussen trifft. Doch irgendwann kommt doch der Zufall ins Spiel. Und das zwingt dann zum Umdenken.

Menschen sind immer bemüht Dinge in Schemen zu pressen, Regeln zu bestimmen oder Formeln zu entwickeln. So wird die Welt erklärlich. Die Dinge passieren so, wie man sie vorausberechnen kann. Aber gerade Sportler wissen auch, dass im täglichen Wettkampf Dinge passieren können, die von der Norm abweichen.

Warum trifft ein abgeschossener Pfeil meistens ins Schwarze, während er manchmal auch daneben liegt? Gerade diese feine Ungenauigkeit macht einen Wettbewerb überhaupt erst sinnvoll, sonst würden alle Sportler immer exakt die Mitte treffen und die Höchstpunktzahl erreichen.

Die Berechenbarkeit der Natur

Die Wissenschaft hat in tausenden von Jahren die Natur beobachtet und daraus Formeln abgeleitet. Die Vorhersage der Position von Himmelskörpern ist schon seit Kepler möglich, als man die Bahngesetze von Planeten entdeckte. Mitlerweile sind die Beobachtungsmöglichkeiten von Planeten durch moderne Technik gestiegen und man hat erkannt, dass auch die scheinbar kreisrunden Bahnen eben doch erheblichen Störungen ausgesetzt sind.

Die Gravitation von Monden, Asteroiden und Kometen kann die Bahn eines Planeten in winzig kleinen Ausmaßen stören. Heute können wir diese Auslenkungen tatsächlich messen. Auch wenn die Auswirkungen für uns keine große Rolle zu spielen scheinen, sind es eben doch kleine Abweichungen von den idealisierenden Formeln, die dann eben doch keine hundertprozentige Voraussage erlauben, wo sich ein Planet exakt befindet.

Diese Abweichung könnte man als „Zufall“ abtun, auch wenn wir ja die Ursache genau feststellen kann. Trotzdem sind möglicherweise genau solche Abweichungen geeignet um Vorgänge auszulösen, die eine ganze Welt verändern können.

Wer dem Zufall wissenschaftlich auf den Leib rückt muss sich unter Anderem auch mit der Chaostheorie befassen. In dieser Theorie wird untersucht, wie winzigste Veränderungen ein komplettes System durcheinander bringen können. Ein dekoratives Beispiel hierzu ist der häufig zitierte „Schmetterlingseffekt“. Hier stellt man sich vor, wie ein Schmetterling in China mit den Flügeln schlägt und die dabei verwirbelten Luftströmungen dazu führen, dass sich winzige Windrichtungen ändern, sich aufschaukeln und damit schließlich, auf der anderen Seite der Welt, einen Orkan verursachen. Das Prinzip heißt: „Winzige Ursache, große Wirkung“.

Vielen Menschen ist nicht bewußt, dass ihr Umweltverhalten zum Abschmelzen der Polkappen beiträgt. Sie halten ihren Einfluss auf die Welt für zu gering um daran mit schuld zu sein. Doch führt man sich vor Augen, wieviel CO2 verbraucht wird um eine einzelne Person zu ernähren, dann entpuppt sich dies als wesentlich mehr als ein bloßer Flügelschlag eines Schmetterlings.

Zufälle in der Evolution

Zufall oder von Göttern vorherbestimmt?

Die Evolution selbst ist gutes Beispiel für Zufälle, die das Überleben bestimmter Arten sicherte. Die natürliche Auslese ist aus heutiger Sicht logisch und nachvollziehbar. Trotzdem stellt sich die Frage, wieso eine Art A überlebte, während die Art B ausstarb. Das Wunder der Artenvielfalt ist eine Folge der Fähigkeit der DNS, sich ständig neu erfinden zu können.

Die ersten Lebewesen besaßen eine relativ kurze DNS. Ohne Mutation jedoch, wäre aus diesen primitiven Lebewesen niemals der komplizierte Zellverbund geworden, den die heutigen Lebewesen besitzen. Bei der Verdoppelung von Erbinformationen sollte es normalerweise immer zu 1:1-Kopien der Ursprungszelle kommen. Doch durch Strahleneinwirkung  auf das Genmaterial oder Korrekturversuche der RNS kann es dazu kommen, dass einzelne Erbinformationen verändert werden. Es kommt zur Mutation.

Seit Milliarden von Jahren ist dieser zufällige Prozess die Triebfeder für die Evolution gewesen. Aus primitiven Bakterien wurden einzellige Lebewesen und Zellverbände. Selbst wenn man nicht gottesfürchtig ist, muss man sich eingestehen, dass es ein Wunder ist, wozu dieses ständige Rekombinieren von Genmaterial geführt hat. Die gesamte Existenz aller Lebewesen ist eine Aneinanderreihung von zufälligen Begegnungen von Strahlungen und mutierten Genmaterialien.

Dabei stellt sich die Frage, was eigentlich der zündende Funke für die Entstehung des Lebens war. Die Wissenschaft hat inzwischen erkannt, dass Wasser eine treibende Kraft dabei war. Allerdings konnte das Leben nur dort wirklich gedeihen, wo das Wasser sich in Tümpeln sammelte und das gerade entstehende Leben nicht einfach wieder auseinandergewirbelt wurde. Also war auch hier der Kollege „Zufall“ am Werk, der diese Ursuppe erst entstehen ließ.

 

Wasser auf der Erde – ein kosmischer Zufall?

Doch warum gibt es überhaupt soviel Wasser auf der Erde? Nach den letzten Berechnungen der Forschung gibt es auf der Erde mehr Wasser als eigentlich auf der frühen Erde hätte entstehen können. Die Erde war einst eine vulkanische Welt mit Lavaströmen. Irgendwann wurde die Oberfläche dann durch Regenfälle abgekühlt, sodass sich eine Kruste bilden konnte.

Doch woher kam das ganze Wasser? Inzwischen herrscht die Meinung vor, dass Kometeneinschläge auf der jungen Erde gefrorenes Wasser in großen Mengen abgeliefert haben. Nur so ist erklärlich, wieso zweidrittel der Oberfläche des Planeten mit Ozeanen bedeckt sind. Wieder einmal ein glücklicher Zufall, dem wir unsere Existenz zu verdanken haben. Was wäre mit der Erde passiert, wenn uns diese Kometen verfehlt hätten? Sähe es dann hier so aus wie auf der Venus?

Mehr als uns zusteht

Ein Beispiel für einen unglaublichen Zufall begegnet uns jeden Abend, wenn wir zum freien Himmel emporblicken. Unser Mond. Man sollte es nicht für möglich halten, aber eigentlich steht er der Erde nicht zu. Im Vergleich zur Größe der Erde ist unser Mond viel zu riesig. Und gerade diesem Umstand haben wir einige Voraussetzungen für unsere Existenz zu verdanken.

Lange Zeit hatte man gerätselt, wie der Mond wohl entstanden sei. Bei anderen Planeten schien es so zu sein, als ob die Monde dort einfach durch die Schwerkraft des Planeten eingefangen worden waren und auf eine Umlaufbahn gezwungen wurden. So war dies auch eine mögliche Erklärung für den Erdenmond. Die zweite Erklärung nahm an, dass der Mond zusammen mit der Erde entstand und quasi eine Art abgesprengter „Tropfen“ war. Doch die momentanen Beobachtungen sind noch viel spannender und deuten wieder auf einen Zufall mit einer unglaublichen Folge für die Erde hin.

Guter Mond, was wären wir ohne Dich?

Irgendwann vor vier Milliarden Jahren kollidierte ein junger Gesteinsbrocken mit der Erde, wurde dabei in seine Bestandteile aufgelöst, sprengte jedoch ein großes Stück aus dem Planeten heraus. Aus dieser Trümmerwolke verdichtete sich irgendwann die Masse zu einem eigenen Satelliten, der seitdem einen enormen Einfluss auf die Erde ausübt. Glücklicherweise war dieser Zusammenprall nicht frontal erfolgt. Der marsgroße Planetoid hat die Erde nur gestreift. Wieder ein Zufall?

Doch noch weitere Umstände machen unseren Planeten und den Mond zu etwas Besonderen. Dabei spielen die Gravitationskräfte des Mondes eine große Rolle. Durch die, durch den Mond ausgelösten Gezeiten war es überhaupt erst möglich, dass sich Wasser in Tümpeln sammeln konnte um das Leben zu ermöglichen. Auch die Entwicklung der Lebewesen selbst wäre später anders verlaufen, hätte es nicht auch dieses Licht am Nachthimmel gegeben.

Außerdem hat der Mond dazu geführt, dass sich die Rotationsgeschwindigkeit der Erde wesentlich reduziert hat. Ohne den Mond würde ein Tag auf der Erde nur sechs Stunden dauern. Der Mond bewegt sich langsam, aber sicher von der Erde fort. Und hier kommt es nun zu einem weiteren Zufall: Die Mondscheibe am Himmel ist scheinbar genauso groß wie die Sonne. Damit ermöglicht der Mond es der Menschheit ab und an totale Sonnenfinsternisse zu beobachten, die wohl einmalig im Sonnensystem sind.

Alles im „grünem“ Bereich

Die frühe Erde

Doch die Erde selbst kann sich glücklich schätzen, dass sie sich zufällig auf der richtigen Umlaufbahn befindet. Etwas näher an der Sonne wäre die Erde einem erhöhten Bombardement von Strahlung aus dem Sonnenwind ausgesetzt. Die Temperaturen auf der Oberfläche wären erheblich höher und statt unserer angenehmen durchschnittlich 15° Celsius am Boden.

Ebenso prekär wäre es, würde die Umlaufbahn der Erde weiter von der Sonne verlaufen. Dann würde es auf der Erde niemals warm genug sein um Leben zu unterstützen. Wir befinden uns mit dem Heimatplaneten in der sogenannten „Grünen Zone“ des Sonnensystems und die Astronomen sind zur Zeit mit großem Eifer dabei Planeten in fernen Sternensystemen zu suchen, die ähnliche Bedingungen aufweisen.

Wir brechen nun die Schilderungen von Zufällen in der Natur ab. Man kann sich denken, dass es überall in der Natur, vom Urknall bis zur heutigen Zeit, ständig Zufälle gab, die zu nachhaltigen Veränderungen kompletter Systeme führten. Vielleicht kommen wir in einem weiteren Artikel noch einmal auf das Thema „Zufälle“ zurück.

Die Menschen neigen dazu Zufälle zu bewerten. Hat der Zufall einen negativen Einfluss, dann heisst es „Pech“. Sollte man allerdings positiv davon profitieren, dann wird der Zufall „Glück“ genannt. Wir können also froh sein, dass alle Veränderungen in der Natur letzendlich dazu geführt haben, dass es uns heute so gut geht.

In diesem Sinne wünschen wir dem geneigtem Leser auch in Zukunft: „Viel Glück!“